Gastbeitrag von Andreas Voßkuhle
SZ 12. November 2025
Nach der Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus und der Konsolidierung der politischen Situation in den Nachkriegsjahren schien es für die meisten Deutschen lange Zeit unvorstellbar, dass die wiedergewonnene Freiheit noch mal ernsthaft gefährdet sein könnte. Nun ist es so weit. Was droht, können wir in vielen Ländern beobachten, die mal zu funktionierenden westlichen Demokratien zählten: Ungarn, Polen, Slowakei, die Türkei, Israel und die USA. Dort greifen immer mehr totalitäre Tendenzen um sich, auch wenn der äußere Anschein einer Demokratie aufrechterhalten wird.
Es ist möglich, dass sich unsere westliche Demokratie – ähnlich wie die attische Demokratie – als eine kurze Phase in der Geschichte der Menschheit erweisen wird.
Eine zentrale Ursache der Krise ist das schwindende Vertrauen in zentrale politische Akteure und Institutionen. Nach einer aktuellen Bürgerbefragung des Deutschen Beamtenbundes meinen 73 Prozent der Deutschen, der Staat sei angesichts der Fülle seiner Aufgaben und Probleme überfordert. Dieser Vertrauensverlust führt dazu, dass viele Menschen sich von etablierten politischen Strukturen abwenden und nach „Alternativen“ suchen. Schaut man genauer hin, erkennt man, dass diese Menschen nicht alle in einen Topf geworfen werden dürfen.
Nur wenn man diese Tatsache akzeptiert, hat man eine realistische Chance, diese Menschen wieder zurückzugewinnen.
Was heißt das?
Die Bundestagswahl 2025 war ein Desaster für das bis dahin etablierte politische System. Eine verdienstvolle Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass die Veränderungen im Wahlverhalten nicht gleichmäßig alle Bevölkerungsgruppen umfassen, sondern verschiedene Milieus. Die Studie unterscheidet zehn verschiedenen Milieus, die jeweils zwischen acht und zwölf Prozent der aktuellen Bevölkerung ausmachen. Vor allem in drei Milieus finden dabei nun die gravierendsten Veränderungen weg von demokratischen Parteien und hin zur AfD statt.
Im „Prekären Milieu“ steigerte sich die AfD um 28 Prozentpunkte, im „Nostalgisch-Bürgerlichen Milieus“ um 18 Punkte. In der „Adaptiv-Pragmatischen Mitte“ betrugen die Zuwächse 19 Prozentpunkte. Diese drei Milieus umfassen mehr als ein Drittel der deutschen Bevölkerung, Tendenz steigend.
Die Analyse der Wahlpräferenzen im „Prekären Milieu“ zeigt: Die AfD ist die Partei, auf die Menschen am Ende der Gesellschaft ihre Hoffnungen projizieren. Sie erhält in diesem Milieu 45 Prozent der Stimmen. Die AfD ist die Partei, der die meisten Arbeiter ihre Stimme geben: 38 Prozent. Zugleich ist sie die Partei, die unter den Arbeitslosen mit 34 Prozent die relative Mehrheit erlangt hat. Die Angebote der demokratischen Parteien überzeugen also viele Menschen nicht, die den Anschluss an den Lebensstandard der Mitte halten möchten, aber das Gefühl haben, abgehängt zu sein.
Auch im „Nostalgisch-Bürgerlichen Milieu“ gab es bei der Bundestagswahl große Stimmzuwächse. Hier liegt die AfD mit 37 Prozent sogar vor den Unionsparteien. Zur Verdeutlichung, was diese Gruppe umtreibt, ein Zitat aus der Studie:
„Die Nostalgisch-Bürgerliche Mitte fühlt sich durch den permanenten Veränderungs- und Modernisierungsdruck verunsichert und bedrängt. Die kulturelle Modernisierung der Gesellschaft, Digitalisierung und Klimawandel werden als Zumutung wahrgenommen … Sie fühlt sich weniger krisenresilient, fürchtet sich vor Disruption und erkennt im Wandel der Zeit vor allem die Infragestellung ihrer … verinnerlichten Gewissheiten. Das ist ihr nostalgischer Zug. Als Teil der bürgerlichen Mitte bleibt sie aber erreichbar auch für Veränderung und Modernisierung. Sie muss sich jedoch mitgenommen, abgesichert fühlen und anerkannt bleiben, auch in ihrer Status-Quo-Nostalgie. Die empfindet sie nicht als Schwäche, sondern als charakteristische Stärke und Identität.“
In der „Adaptiv-Pragmatischen Mitte“ erreicht die AfD mittlerweile 32 Prozent der Stimmen und liegt gleichauf mit den Unionsparteien. Dazu ein weiteres Zitat aus der Studie:
„Die Adaptiv-Pragmatische Mitte ist ein grundsätzlich zukunftsoptimistisches, veränderungsbereites und modernes Milieu. Es will Probleme lösen und seinen Alltag bewältigen. Machbarkeit geht vor Ideologie. Transformation ja, aber sie muss funktionieren und bezahlbar bleiben, sich bestenfalls sogar rechnen. Das Adaptiv-Pragmatische Milieu baut längst mit Wärmepumpen, ist aber abgestoßen von dilettantischer Gesetzgebung und Klimapolitik als Ideologie. Es ist weder fremden- noch migrationsfeindlich, wünscht sich aber Humanität ebenso wie Ordnung, Kontrolle und Sicherheit durch den Staat. Es will Investitionen in unsere kaputte Infrastruktur und ist auch bereit, das durch Kredite zu finanzieren, ganz wie den eigenen Hausbau. Aber funktionieren muss es, das ist das Kriterium.“
Die Parteien der alten demokratischen Mitte haben in Teilen der Gesellschaft ihre Mehrheitsfähigkeit verloren, oder sie sind dabei, sie zu verlieren. Es bröckelt, und zwar gewaltig.
Es handelt sich um eine Art „stille Mitte“. Sicher ist: Wenn wir Teile dieser stillen Mitte nicht zurückgewinnen, wird das demokratische Zeitalter in der Bundesrepublik Deutschland bald der Vergangenheit angehören.
Nach den Ergebnissen der letzten Bundestagswahl waren von den 4,6 Millionen Menschen, die neu die AfD gewählt haben, 1,8 Millionen bisherige Nichtwähler. Ungefähr eine Million Wähler wanderten von der Union, 890 000 von der FDP und 720 000 von der SPD zur AfD.
Um diese Zahlen zu bebildern, möchte ich eine imaginäre Person einführen, die so oder leicht anders den meisten von uns vertraut sein dürfte: Nennen wir ihn Torsten Müller.
Torsten Müller wohnt in Nordrhein-Westfalen mit Frau und zwei Kindern in einem Reihenmittelhaus, das er von seinen Eltern geerbt hat. Er ist 56 Jahre alt, verbringt gerne Zeit im Garten oder trifft sich mit Freunden regelmäßig beim Seniorenkicken. Ursprünglich hatte Torsten, wie die meisten Männer in seiner Familie, im Bergbau gelernt. Vier Jahre lang war er nach der Schließung der Zeche arbeitslos. Nun ist er Angestellter in einer kleinen Gartenbaufirma. Für Torsten zählen wirtschaftliche und soziale Sicherheit zu den Grundwerten seines Lebens. Die Gehälter, die sein Lieblingsverein 20-jährigen Fußballprofis zahlt, findet er „pervers“. Die Veränderungen in seinem Stadtteil verunsichern ihn. Immer mehr Läden und Lokale schließen. Er hat das Gefühl, die Politik spart seinen Heimatort „kaputt“. Kritisch sieht er auch die aus seiner Sicht übermäßige Bürokratie, die er als Hausbesitzer auf Ämtern erlebt.
In familiärer Tradition hat Torsten immer SPD gewählt, aber die tut seiner Meinung nach nichts mehr für Leute wie ihn. Die AfD redet Klartext. Da fühlt er sich angesprochen. Auch Friedrich Merz hat ihm bei der letzten Bundestagswahl ganz gut gefallen. Aber letztlich hat er sich für die AfD entschieden. „Es muss mal was passieren!“ Die Umgebung von Torsten reagiert darauf irritiert.
Manche halten ihm vor, dass er ein Nazi ist, weil er die AfD gewählt hat, die eigentlich verboten werden müsse wegen ihrer klar rassistischen und volksverhetzenden Parolen. Torsten weiß um die Verfolgung von Juden und Sozialdemokraten in der Zeit des Nationalsozialismus. Sicher, einzelne AfD-Vertreter seien zu radikal, am Ende würden sich aber die Gemäßigten durchsetzen. Andere werfen ihm vor, es sei undemokratisch, die AfD zu wählen. Diesen Vorwurf findet Torsten infam: Nach seinem Verständnis ist es doch gerade das, was Demokratie ausmacht. Regierungen und Parteien dürfen abgewählt werden. Das Abwählen zu untersagen und die AfD zu verbieten, hält er für einen Versuch der Parteien der Mitte, ihre Macht „undemokratisch“ zu sichern.
Seine alten Vereinsfreunde, mit denen er zum Teil schon die Schulbank drückte, laden ihn nicht mehr zum Seniorenkicken ein. Das ist für Torsten ein harter Verlust. Er ist deshalb sehr wütend und maßlos enttäuscht. Seit Kurzem besucht er regelmäßig einen AfD-Stammtisch.
Letzte Woche haben ihn nun alte Freunde mit guten Absichten zu einer Veranstaltung eingeladen, die unter dem Motto stand: „Verteidigt die Demokratie!“ Zu Veranstaltungen, bei denen Demokratie im Titel steht, geht Torsten aber schon lange nicht mehr. Er will, dass sich endlich etwas verändert.
An Torsten Müller können wir erkennen, dass es nicht leicht ist, AfD-Wähler zu erreichen. Moralische Entrüstung und Ausgrenzung helfen nicht oder wenig. Natürlich macht es fassungslos, dass so viele Menschen, zumal aus der stillen Mitte unseres Landes mit seiner Geschichte, die AfD wählen. Die Partei macht aus ihrer Gesinnung ja keinen Hehl. Aber: 2,7 Millionen der AfD-Neuwähler geben an, dies aus Enttäuschung und nicht aus programmatischer Überzeugung getan zu haben.
Eine Verschiebung der Wählerstimmen um nur wenige Prozentpunkte hätte bei den letzten Landtagswahlen im Herbst 2024 in den ostdeutschen Ländern einen entscheidenden Unterschied gemacht: andere Koalitionsoptionen oder keine Sperrminorität der AfD. Es kommt auf jede Stimme an. Wir Demokraten müssen deshalb genau überlegen, wie wir Torsten Müller dazu bewegen können, seine Wahlentscheidung zu ändern. Bisher sind wir darin nicht erfolgreich.
Drei Vorschläge:
1. Wir machen unseren Staat handlungsfähiger. Menschen möchten in einem Land leben, in dem Dinge, die sie für ihr Leben als essenziell empfinden, vorhanden sind und funktionieren. Sie erwarten, dass der Staat sie vor sozialen Notlagen absichert und eine intakte Infrastruktur zur Verfügung stellt. Das ist in Deutschland nicht mehr der Fall: Schulen, Brücken, Straßen und Schienen sind in weiten Teilen marode. Wir sind nicht mehr verteidigungsfähig. Die Versorgung mit bezahlbarer Energie wird nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine immer schwieriger. Die Digitalisierung wurde verschlafen, der Klimawandel nur halbherzig bekämpft. Uns fehlen Innovationen und Wirtschaftswachstum. Wir leiden unter zu komplexen Verwaltungsabläufen und Überregulierung. Deshalb brauchen wir eine große Staatsreform, die diesen Namen verdient.
Die Regierungskoalition hat dieses Problem eigentlich erkannt und mit der Einrichtung eines Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung einen ersten Schritt gemacht. Ihm müssten aber weitere folgen. Reformen werden nur gelingen, wenn die alten politischen Machtspiele angesichts der Dramatik der Situation endlich überwunden sind, wenn parteipolitische Identitätsthemen wie Mütterrente und Bürgergeld zurückgestellt werden, Kanzler und Vizekanzler die Ressortegoismen der Ministerien mit harter Hand in Schach halten, und wenn ein neuer Reformpakt zwischen Bund und Ländern geschmiedet wird. Statt eines sentimentalen Blicks auf die Vergangenheit, „in der noch die Morgenröte strahlte“ (Amlinger/Nachtwey), brauchen wir ein kraftvolles Zukunftsnarrativ: „Deutschland geht voraus!“
2. Politiker und Mitglieder des öffentlichen Dienstes müssen glaubwürdig Veränderungsbereitschaft ausstrahlen. Davon, dass unsere Welt in Veränderung begriffen ist, reden seit Jahrzehnten alle. Was sind die Schlussfolgerungen? Rechtspopulisten geben darauf immer eine einfache Antwort: „Alles kann und soll so bleiben, wie es ist. Die Welt muss sich nach deinen Kontinuitätsbedürfnissen richten.“ Diese Position können Demokraten, die die Wirklichkeit gestalten wollen und müssen, nicht übernehmen. Gleichzeitig ist die alleinige Botschaft „Du musst dich verändern, um dich an eine sich ändernde Welt anzupassen“ nicht attraktiv. Der letzte Parteitag der SPD stand unter dem Motto „Veränderung beginnt mit uns“. Demokratieskeptische Menschen hören aus diesem Satz die Botschaft heraus „Ihr müsst euch verändern!“ Zu Recht hat der Schatzmeister der SPD, Dietmar Nietan, klargestellt, dass das Motto des Parteitags eigentlich lauten müsste „Veränderung beginnt bei uns“, ja sogar: „Veränderung beginnt bei mir“.
3. Wir brauchen mehr Begegnungsorte. Gerne wird als Mittel der Wahl für die Rückgewinnung demokratiemüder Bürgerinnen und Bürger auf die politische Bildung verwiesen. Damit macht man nichts falsch. Wir müssen uns aber fragen, wen wir erreichen mit unseren Angeboten der politischen Bildung. Die meisten Menschen lassen sich nicht gerne belehren. Letztlich wird man nur über direkte Gespräche und ein ehrliches Verstehen-Wollen des Gegenübers Vertrauen gewinnen können, nicht über Kontaktvermeidung und zur Schau gestellte Moral. Vor dem Hintergrund der Erfahrung des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V.“ plädiere ich deshalb für viel mehr niedrigschwellige Begegnungen, nicht im Netz, sondern im Ort! Eine völlig unterschätzte, sehr wichtige Rolle spielen hier die Vereine, Sportvereine, Jugendzentren, die gerade deshalb besonderer Förderung bedürfen. Das Bundesprogramm „Demokratie leben“ sollte diesen Aspekt der Demokratieförderung stärker in den Blick nehmen. Wichtig erscheint mir, dass an diesen Orten nicht nur geredet wird, sondern auch getan. Emotionen gehorchen keinen rationalen Argumenten. Das Tun ist ein wichtiger Baustein des „Community Building“. Die Ethnologin Juliane Stückrad schreibt dazu eindringlich:„Nicht das Fest ist das Gemeindeleben, sondern die Organisation des Festes. Wenn die Menschen aufgrund des Wandels der Lebenswelt in ländlichen Räumen heute nicht mehr zusammenarbeiten können, dann finden sie eben im gemeinsamen Organisieren und Feiern einen neuen Zugang zueinander.“
Von diesem Erleben von Gemeinsamem brauchen wir so viel mehr. In Bollschweil, einer Gemeinde unweit von Freiburg, befindet sich der Gasthof Bolando. Er wird von einem Teil der Bewohner des Ortes als Genossenschaft betrieben, um einen Ort für Begegnungen zu schaffen, den es dort nicht mehr gab. Das ist nicht immer einfach, aber hier wird die Uridee der Demokratie greifbar: Wir, die Bürgerinnen und Bürger, organisieren, wie wir gemeinsam leben wollen. Und jeder hier ist willkommen!
